Norbert F. Tofall: Abtreibung und Liberalismus

22/02/2014 Kommentare deaktiviert für Norbert F. Tofall: Abtreibung und Liberalismus

Kürzlich hat Roger Köppel die These formuliert, daß Abtreibungen mit einem liberalen Menschenbild unvereinbar sind. Bei der Begründung seiner These beruft er sich zurecht auf Immanuel Kant und verdeutlicht damit, daß er sich auf den Freiheitsbegriff des klassischen Liberalismus beruft und nicht auf ein pseudo-intellektuelles Liberallala, also auf ein sich liberal nennendes Lebensgefühl, welches in Europa nicht nur in vielen sich liberal nennenden Parteien, sondern auch von vielen grünen, roten und schwarzen Sozialdemokraten gepflegt wird. Dieses durchgestylte, angeblich mitfühlende Liberallala ist aber leider nur der kuschelige Deckmantel für Denkfaulheit und Bequemlichkeit. Es verdeckt den fundamentalen Unterschied zwischen zwei Freiheitsbegriffen, von denen der eine zu einer Kultur des Todes und der andere zu einer Kultur des Lebens führt.

Der Freiheitsbegriff, der zu einer Kultur des Todes führt, ist Freiheit verstanden als ein Bereich von Möglichkeiten. Wer mehr Möglich­keiten zu handeln hat, ist nach diesem Freiheitsverständnis freier als andere mit weniger Handlungs­mög­lichkeiten. Die Möglichkeit, zehnmal menschliches Leben im Reagenzglas zu produzieren, sich den gesündesten, schönsten und intelligentesten Menschen mit Wunschgeschlecht zu wählen und die verbliebenen Menschen durch den Spülstein zu entsorgen, wird in der Perspektive der größeren Handlungsmöglichkeiten nicht einmal mehr als Abtreibung und als ein Malum angesehen. Die Kultur des Todes hat sich über etwas positiv Klingendes etabliert. Und über die sieben Millionen „regulären“ Abtreibungen in Deutschland seit Mitte der siebziger Jahre spricht man in unserer Todeskultur am besten nicht; denn diese Zahlen lassen vermuten, daß in fast jeder Familie in Deutschland Fälle von Abtreibungen vorliegen. In der Schweiz und in anderen Ländern ist die Lage nicht viel anders. Die Rede von einer Kultur des Todes hat deshalb ihre volle Berechtigung.

Daß aber ganz tief im Gewissen jedes Menschen eine innere Stimme ein Veto gegen diese Kultur des Todes einlegt, kann man schon daran erkennen, daß die kulturkämpferischen Kampagnen der letzten Jahrzehnte nicht unter dem Titel „Ich habe das Recht, mein Kind zu töten“ geführt worden sind, sondern unter „Mein Bauch gehört mir“. Offensichtlich bedarf es einer sprachlichen Gewissensberuhigungsdroge, damit man einen Eigentums- und Herrschaftsanspruch formulieren kann, den man sonst nur bei verstiegenen libertären anarchistischen Denkern wie Murray N. Rothbard findet: „Die meisten Föten befinden sich im Leib der Mutter, weil die Mutter mit diesem Zustand einverstanden ist; sie sind dort wegen der frei gegebenen Zustimmung der Mutter. Sollte die Mutter aber entscheiden, dass sie den Fötus dort nicht länger tragen möchte, so wird der Fötus zu einem parasitären „Eindringlich“ in ihre Person, und die Mutter hat das vollkommene Recht, diesen Eindringling aus ihrem Herrschaftsgebiet auszustoßen. Die Abtreibung sollte nicht als „Mord“ an einer lebenden Person angesehen werden, sondern als Ausstoßung eines unerwünschten Eindringlings aus dem Körper der Mutter. Jedes Gesetz, das die Abtreibung einschränkt oder verbietet, bedeutet daher eine Verletzung der Rechte von Müttern.“  Rothbard, der diese Sätze im 14. Kapitel seiner Schrift „Die Ethik der Freiheit“ formuliert hat, ist damit ein Beispiel dafür, daß auch jenseits eines pseudo-intellektuellen Liberallalas aufgrund zwar klarer, aber höchst falscher Basisbegriffsbildungen Beiträge zu einer Kultur des Todes geleistet werden.

Der Freiheitsbegriff, der zu einer Kultur des Lebens führt, ist Freiheit verstanden als Unabhängigkeit von eines anderen Menschen nötigender Willkür. Dieser Freiheitsbegriff kenn­zeich­net immer eine Beziehung von Menschen zu Menschen, weshalb der einzige Eingriff in diese Freiheit im Zwang durch andere Menschen besteht. Immanuel Kant schreibt in seiner Metaphysik der Sitten vom angeborenen Recht des Menschen, das nur ein einziges ist: „Freiheit (Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür), sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann, ist dieses einzige, ursprüngliche, jedem Menschen, kraft seiner Menschheit, zustehende Recht.“ Und es bedarf keines Vertrages zwischen einzelnen Menschen, damit ein Mensch dieses Recht hat. Er hat es, weil er Mensch ist. Auch der Fötus ist Mensch und hat Kraft seiner Menschheit alle Menschenrechte. Die Tötung des Fötus ist deshalb kein unveräußerliches Frauenrecht, wie uns die Frauenbewegung und Murray N. Rothbard einreden wollen, sondern eine fundamentale Menschenrechtsverletzung.

Zitieren wir zur Verdeutlichung dieses zivilisatorischen Konflikts noch einmal die Gegenposition des klar formulierenden Murray N. Rothbard: „Schön und gut; machen wir der Diskussion zuliebe das Zugeständnis, daß Föten menschliche Wesen (…) sind und daher Anspruch auf uneingeschränkte Menschenrechte haben. Doch welche Menschen (…) haben das Recht, als Zwangsparasiten im Körper eines unwilligen menschlichen Gastgebers zu hausen?“

Fragt sich nur, wie kommt der Fötus, dieser parasitäre Eindringlich, in den Mutterleib? Tun die Störche, die die Kinder bringen, den Frauen Gewalt an? Auf welchem Wege hat der parasitäre Eindringlich mit Gewalt die Mauern der Burg gestürmt und geschliffen? Oder gibt es Handlungen, an denen Frauen aus freiem Willen aktiv beteiligt sind und die zur Zeugung von menschlichem Leben führen? Ist der parasitäre Eindringlich vielleicht gegen seinen eigenen Willen ein Eindringling? Kann er gar nichts dafür, daß er gezeugt worden ist? Könnte es deshalb sein, daß die viel gescholtene Sexualmoral der katholischen Kirche eine tiefere Freiheitsdimension beinhaltet? Könnte die Sexualmoral der katholischen Kirche tatsächlich auch auf den Schutz von Menschenrechten zielen? Skandal!

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