Martin Rhonheimer: Marktwirtschaft ist etwas Natürliches

10/11/2014 Kommentare deaktiviert für Martin Rhonheimer: Marktwirtschaft ist etwas Natürliches

Interview mit Thomas Isler für die NZZ am Sonntag, 09.11.2014, Seite 27

NZZ am Sonntag: Papst Johannes Paul II. hat den Kommunismus besiegt. Aber er hat bald darauf auch den Kapitalismus in einer Enzyklika scharf kritisiert. Warum?

Martin Rhonheimer: In der Enzyklika Centesimus annus von 1991 sagt Johannes Paul II. klar: Der Sozialismus ist gescheitert, er gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Er ist nicht der erste Papst, der dies sagte. Aber er ist der erste Papst, der sagte: Der Kapitalismus ist nicht gescheitert – vorausgesetzt, er ist eingebunden in eine rechtliche Ordnung mit Grundrechten und einen Rahmen, der die Transzendenz für Menschen ermöglicht. In der eigentlich sehr liberalen Enzyklika wird auch der Unternehmensgewinn, das Streben nach Profit, explizit gutgeheissen.

Das war vorher nicht so?

Früher hiess es seitens der Kirche: Sozialismus? Nein. Kapitalismus? Nein. Die Kirche plädiert für einen Dritten Weg. Johannes Paul II. sagte nun: Sozialismus? Nein. Kapitalismus? Ja, aber. Klar wurde das aber später immer etwas stärker. Das Leidige ist natürlich, dass ein Papst oder ein Priester, der über Kapitalismus redet, in der Regel das aber betont. Sonst klingt es irgendwie sehr hart.

Sie sind nicht nur Priester, sondern auch Mitglied der liberalen Friedrich-A.-von-Hayek-Gesellschaft. Spüren Sie dieses Spannungsverhältnis auch?

Ja, natürlich. Aber ich glaube, es ist heute besonders wichtig, kompromisslos für Kapitalismus und Marktwirtschaft einzutreten. Viele Leute meinen, öffentliche Aufgaben müsse zwingend der Staat erledigen. Das ist ein Fehler. Es gibt öffentliche Aufgaben, die muss – auch das ein Postulat Hayeks – die Zivilgesellschaft wahrnehmen. Und das ist letztlich eben auch der viel christlichere Weg, denn es ist der Weg der Selbstverantwortung und gelebter Solidarität.

Eine Marktwirtschaft produziert immer auch Verlierer. Wer sorgt für die?

Das sind, wie der Ökonom Schumpeter es nannte, die Prozesse der schöpferischen Zerstörung der Marktwirtschaft. Neue Technologien zerstören Hergebrachtes. Neues kann nur wachsen, wenn Altes stirbt. Das heisst aber auch: Der Markt kreiert immer wieder Chancen. Wenn die Märkte wirklich offen sind, dann profitieren alle.

Aber es gibt auch invalide und kranke Menschen, die nicht arbeiten können. Wer hilft denen?

Der Markt bringt auch Vorsorge- und Versicherungsinstitutionen hervor. Das kann sogar ein lukratives Geschäft sein. Auch private Solidargemeinschaften sind möglich, Darlehen oder Fonds. Es sind viele Mo-delle denkbar. Das hat es ja alles schon einmal gegeben in der Geschichte, das ist nicht neu, es wurde vom steuerfinanzierten Sozialstaat zerstört oder an seiner Entwicklung gehindert. Heute ist zu vieles eingebunden in staatliche Strukturen, der Staat behindert so wahre Solidarität und christliche Caritas.

Ihnen schwebt ein schlanker Staat vor, der Aufgaben an die Kirchen auslagert und die Kirche als Lieferantin von Moral braucht?

Ja, aber Moral nicht für den Staat, sondern für die Menschen! Der Staat, der eine Zwangsgemeinschaft ist, soll den Bürgern keine Moral diktieren. Aus einer Kirche hingegen kann man austreten, wenn einem ihre Moralvorstellungen nicht passen.

Aber es hilft doch dem Staat, wenn Menschen anders als durch Gesetze motiviert werden, sich sittlich zu verhalten.

Ich glaube, wirtschaftliche Tätigkeit an sich besitzt schon eine moralische Komponente, sie bringt Menschen zur Kooperation. Marktwirtschaft und Wettbewerb verlangen Tugenden: Mässigung, Verzicht, Vertrauen, Ehrlichkeit und so weiter. Natürlich gibt es immer auch Betrüger, aber die werden von einem funktionierenden Rechtssystem, das es zwingend braucht, aussortiert und verurteilt. Ich glaube, Marktwirtschaft ist etwas Natürliches, sie entspricht dem Menschen.

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